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Definieren wir in diesem Jahr das 21. Jahrhundert? Die Fjord Trends 2021

Interview mit Hartmut Heinrich, Group Director Fjord, Accenture AG

Ein vermeintlich kleines Virus hat 2020 die Muskeln gezeigt und unsere Welt innert kürzester Zeit massgeblich verändert. Wie sich unsere Zukunft gestalten wird, ist ungewiss. Genauso, wie lange unser Alltag vom Virus bestimmt wird. Gewiss ist, wir werden uns anpassen und weiterentwickeln. Die Gretchenfrage ist, worauf wollen wir unseren Fokus legen? «Embrace Change» und «Chancen nutzen» ist das Credo der Zeit.

Kurz vor Weihnachten wurden die heiss erwarteten Fjord Trends 2021 veröffentlicht. Fjord, die Innovations- und Designberatung von Accenture Interactive, arbeitet aktiv mit Kunden und Experten an Zukunftsvisionen und untersucht neue Formen des Lebens. Diese wagen sich «off the beaten track» und helfen uns, den Fokus richtig zu setzen. Beginnt das 21. Jahrhundert erst mit dem Jahr 2021? Hartmut Heinrich (HH), Group Director Fjord, gibt InTech Insights und Inspiration, um uns neu zu fokussieren.

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Das Jahr 2020 war ein Jahr der Pandemie und gelinde ausgedrückt, anders als je erlebt. Wie war das Jahr für Fjord?
HH: Unsicherheit dominierte anfangs den Alltag. Obwohl COVID-19 bekannt war, konnten wir die Auswirkungen noch nicht wirklich fassen. Für uns war Kommunikation und hohe Sicherheitsstandards der Schlüssel. Wir hatten das Glück, von unserem Management gut durch den Lockdown geführt zu werden. Das war sehr wichtig. Der virtuelle Austausch mit unseren Kunden hat sehr gut funktioniert und wir konnten sogar neue Aufträge gewinnen, was sehr erfreulich war. Was wir aber unterschätzt haben ist, wie anstrengend es wird, einen Call nach dem anderem zu führen. Die Tage unserer Mitarbeitenden waren durchgetaktet und lang. Wir haben daher Coffee Moments in die Calls eingeführt, um Pausen zu machen und uns auch mal privat austauschen zu können. Die Pandemie hat uns in allen Lebenslagen stark getroffen und das Bedürfnis sich auszutauschen ist hoch.

Ein anderer super-spannender Trend ist «do it yourself innovation».

Was sind Eure Key Learnings im 2020? Was hat sich gerechnet? Was nicht?
HH: Wir haben unser Wissen nicht nur mit unseren Kunden geteilt, wir haben es auch für unsere Mitarbeitenden eingesetzt. Zum Beispiel Themen rund um die physische und mentale Gesundheit. Im Home-Office ist es enorm wichtig, Sport und gesunde Ernährung in den Alltag einzubauen. Wir haben beispielsweise Yoga und Menu Tipps geteilt. Oder Bluescreen Brillen eingesetzt, um die langen Tage vor dem Bildschirm für die Augen zu erleichtern. Das hat unserer Kultur gutgetan.

Nach aussen gerichtet war es eine enorm spannende Zeit, um neue Trends zu beobachten. Ein Trend, welcher uns alle sehr beschäftigt hat, ist der Empathy Challenge oder auf Deutsch «Herausforderung und Empathie». Hier geht es darum, Ungleichheiten in der Welt zu managen und sich, speziell als Firma, stark für Themen rund um eine bessere Welt nachweislich einzusetzen. Visionen reichen nicht mehr. Menschen wollen sehen, wie Gutes auch wirklich umgesetzt wird. Ein Beispiel ist die Firma Patagonia, ein führender Outdoor-Bekleidungshersteller. Im Hinblick auf die US-Wahlen haben sie in Amerika in ihre Daunenjacken Einnäher mit dem Slogan «vote the assholes out» angebraucht. Sie nehmen damit deutlich Stellung. Ein anderer super-spannender Trend ist «do it yourself innovation». Das bedeutet, wir machen das Beste aus dem was wir haben, um unseren Alltag aufzubessern. Aus dem Bügelbrett wird beispielsweise ein Stehpult. Auch in der Technologie haben wir durch die Pandemie interessante Schritte beobachtet. Nike hat zum Beispiel Augmented Reality für das Anprobieren von Turnschuhen im eigenen Haus ermöglicht.

Es ist krass zu sehen, wie das 21. Jahrhundert durch das Jahr 2021 geprägt werden wird.

Was war die grösste Überraschung in 2020?
HH: Eine richtige Überraschung habe ich nicht erlebt. Jedoch ist es beeindruckend, wie stark Technologien aktuell eingesetzt werden, um unser Leben besser zu gestalten. Aktuell brauchen Menschen jedoch nicht innovative technologische Lösungen, sie brauchen Technologien, welche sie befähigen ihren Alltag kreativer zu steuern. Das hat sich dieses Jahr stärker ausgeprägt. Wir erfinden und viel grössere Potentiale entstehen. Wir sehen krass wie 2021 entscheidend sein wird, wie das 21. Jahrhundert geprägt werden wird. Das ist eine riesen Chance die heutige, schwierige Situation langfristig zum Guten zu drehen.

Einige der besten Innovationen entstehen im Kleinen und unter extremen Situationen. Das nennen wir «Hack».

Was war Deiner Meinung nach der beste COVID getriggerte «Hack»?
HH: Einige der besten Innovationen entstehen im Kleinen und unter extremen Situationen. Das nennen wir «Hack». Ein Theater in Amerika nutzte TikTok um seine Stücke zu übertragen und somit «in business» zu bleiben. Das ist eine tolle Art, Technologie zu nutzen, um zumindest teilweise weiter operieren zu können. Ein anderes Beispiel ist Adidas. Sie öffneten ihre Plattform für 3rd Party Designer, um neue Sneakers zu designen. Das bietet Kreativen die Möglichkeit, weiterhin zu arbeiten und Adidas hat Zugang zu frischen Ideen. Oder Microsoft Teams – der unvorteilhafte Schrank im Hintergrund war an den Calls wenig prickelnd. Teams hat superschnell coole Background Möglichkeiten für Calls eingeführt. Das war für viele Mitarbeiter extrem wichtig. Die Pandemie hat uns gezwungen neu zu denken. Wir erwarten, dass 2021 das Jahr der wirklichen Innovationen und dadurch zum prägenden Element des 21. Jahrhundert wird.

Als ersten Trend 2021 nennt ihr «Collective Displacement». Damit meint ihr Orte, an denen wir uns aufhalten und leben. Mit der Impfung wird sich unser Alltag nicht gleich schnell wieder in den «alten» Trott zurückbewegen?
HH: Wir werden bestimmt wieder in die Büros zurückkehren. Unsere Welt wird sich aber weiterhin ändern. Wieso sollten wir positive Veränderungen rückgängig machen? Der Öffentliche Verkehr hat durch den Virus sehr gelitten. Wer möchte noch Touch Screens anfassen! Neue Lösungen müssen gesucht werden.

Bereits vor der Pandemie war das Ziel der Unternehmen nicht mehr, um jeden Preis wachsen zu müssen. Neue Werte entstehen und wir suchen nach einer entsprechenden Balance. Die Frage ist, wie wir neues Wachstum definieren und anstreben können. Der Mensch sollte dabei immer im Mittelpunkt stehen. Die Technologie wird ihn lediglich unterstützen neue Wege zu finden.

«Sweet teams are made of these».

Für die Zukunft müssen wir neue Arbeitsformen finden. Wo und wie können Unternehmen am besten ihre «Sweet Teams» kreieren? Hast Du ein beeindruckendes Beispiel erlebt?
HH: Der zusätzliche Workload durch die Pandemie wird mit der Möglichkeit belohnt an anderen Orten arbeiten zu können. Allerdings sehen wir durch diese sogenannten  «Collective Displacement» einen neuen Lohntrend entstehen. Firmen in Hochlohnstandorten hinterfragen, ob sie weiterhin hohe Löhne bezahlen wollen, sollten ihre Mitarbeiter nicht mehr vor Ort sein. Dadurch leitet sich der Trend «sweet teams are made of these» ab. Wir überlegen uns, wie können wir sinnvoll mit neuen Trends in der Arbeitswelt umgehen.

Unter «Liquide Infrastructure» verstehen wir die Anpassungsfähigkeit des Detailhandels.

Das Einkauferlebnis und auch die Konsumbedürfnisse verschieben sich. Geht der Trend wieder vermehrt auf lokales Shopping zurück? Wird damit das «Lädeli-Sterben» beendet? Ihr spricht von Liquide Infrastructure. Was meint Ihr damit?
HH: In erster Linie geht es um das digitale Kauferlebnis der Kunden. Wie kann die Customer Journey attraktiv gestaltet werden? Während der Pandemie hat der online Einkauf um 60% zugenommen. Gleichzeitig ist das regionale Einkaufen in der Nachbarschaft wichtiger geworden. Viele kleine Geschäfte waren sehr innovativ und haben dadurch Neukunden gewonnen. Unter Liquide Infrastruktur verstehen wir die Anpassungsfähigkeit von Geschäften. Lululemon hat beispielsweise den Lockdown dank ihrer schnellen Anpassungsfähigkeiten sehr gut gemeistert. Ihre Geschäfte haben sie für den Onlinehandel kurzfristig umgestaltet. Der Laden war das Verteilzentrum. Nach dem Lockdown sind die Geschäfte wieder Laden und Gym in einem. Das Kundenerlebnis ist der Schlüssel.

Wir suchen doch alle nach unserem Nordstern!

Zum Schluss, hast du Dir neue Rituale erschaffen? Welche sind diese und wie geben sie Dir Halt?
HH: Mir persönlich hat der Austausch im Büro sehr gefehlt. Plötzlich war das gemeinsame Kaffeetrinken weg und ich wusste nicht, wie es meinen Kollegen geht. Wir haben daher die «Online Coffee Moments» eingeführt. Mit lokalen Coffee Shops haben wir Kaffeepakete zusammengestellt und den Mitarbeitenden zugestellt. So wurden die Mitarbeitenden überrascht und wir konnten online einen Kaffee geniessen und uns austauschen. Wir suchen doch alle nach unserem Nordstern! Solche kleinen Momente haben gutgetan und geben uns Orientierung.

Hier geht’s zu den Fjord Trends 2021

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Editorial Office

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